Die Schlange im Paradies II

In den Archivolten des Innenportals der Turmhalle finden wir die Schlange nochmals in voller Aktion. Eva, links unten in der Patriarchenarchivolte,  noch umgarnend ist sie hier theobiologisch nicht korrekt dargestellt, nämlich als am Baumstrunk (Baum der Erkenntnis?) hochgehangeltes Kriechtier ohne Füsse. Die kleine Figur zeigt sie ja vor bzw. während ihrer Missetat, sie hat die Frucht noch zwischen den Zähnen. Es bleibt die Frage: Wer oder was war sie, bevor sie in späterer Zeit verteufelt wurde?

Einen Hinweis habe ich gefunden: Die Schlange war „schlauer“ als alles andere Geziefer (Gen 3,1), sie gehörte zur paradiesischen Intelligenzija und damit eckte sie an. Schon vor ihrem Anfang waren allzu quirlige Geister in der Kirche nicht wohl gelitten.

5

Ein ganz anderer Hinweis findet sich in alten Texten aus Ugarit, einer Hafenstadt in Nordsyrien, um 1200 v. Chr. zerstört. Die Tontäfelchen sollen aus dem 13. Jahrhundert stammen, also wesentlich älter sein als die Verschriftlichung oder zumindest die Endredaktion der biblischen Paradieseserzählung. In Topzustand sind die Täfelchen nicht, weswegen sie schwierig zu entziffern sind. Zur Kontrolle der Übersetzung stand vermutlich kein Native Speaker aus damaliger Zeit zur Verfügung. Und ursprünglich sind es wohl drei Täfelchen gewesen mit dieser Geschichte, von denen eins fehlt. Nichts ganz Genaues weiss man also nicht. Hier wird berichtet von dem Gott El, der mit seiner Frau Aschera in einem wunderschönen Garten lebt. Die Idylle wird gestört von dem Gott Horon, der vom Götterberg rausgeworfen worden ist und rachedurstig den schönen Garten von Aschera und El vergiftet und den darin befindlichen Baum des Lebens in einen Baum des Todes verwandelt. Die Götter kommandieren einen Kollegen namens Adam ab, der dem Sünder das Handwerk legen soll, aber Horon stellt sich ihm entgegen in Gestalt einer grossen Schlange und beisst ihn, wodurch der Gott Adam seine Unsterblichkeit verliert. Aber er kriegt von der Mondgöttin eine „liebe Frau“ und zeugt mit ihr Nachkommen und gewinnt so eine Art von Unsterblichkeit zurück.  Das berichteten die Niederländer Korpel und de Moor, die die Texte zu erschliessen versuchten, im Jahr 2014. Geht man von der nicht beweis- und nicht widerlegbaren Annahme aus, die Ugariter Erzählung sei älter und somit ursprünglicher als die biblische Geschichte, dann ist die paradiesische Schlange ursprünglich ein Gott aus dem bunt-fröhlichen Pantheon Vorderasiens, und die Geschichte handelte nicht vom Eintritt von Sünde und Bös-heit in die Menschenwelt, sondern vom  Götterknatsch im dortigen Olymp und der Entstehung der Menschen. Und unsere Grundausstattung als Sterbliche, die uns ziemlich ramponiert scheint, wird dort als Normalzustand angesehen: Die individuelle Sterblichkeit ist aufgehoben in die Unsterblichkeit der Generationenfolge; ein Gedanke, der übrigens bis heute das jüdische Denken prägt, wie ich gehört habe.

Die nächste Miniatur am nächsten Wochenende: Der gute Hirtenhund

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s