Der gute Hirtenhund

Wie früher schon gesagt, beschäftige ich bei der Verfertigung der Gedanken zu den Bildern   freie Mitarbeiter, am häufigsten folgende drei: (1) Ein in die Jahre gekommener Ministrant, der Weihnachten mal als kleinster der Truppe das Wachsjesulein vom Hochaltar zum rechten Seitenaltar und dort zur noch leer stehenden Krippe tragen durfte. Er starb um ein Haar vor Angst, dabei zu stolpern und sich vor der versammelten Gemeinde bis auf die Knochen zu blamieren. (2) Ein historisch-kritischer Bibelleser, der gelegentlich, wenn er nicht mit der Freundin Kaffee trinken war, eine theologische Vorlesung hörte. (3) Der Tor von Psalm 53,1, der in seinem Herzen spricht: „Es gibt keinen Gott“, aber nie wirklich Atheist war, sondern philosophisch haltbarer Agnostizist, und der häufig „im Kreis der Spötter sitzt“, wie Psalm 1,1 missbilligend sagt. Wir vier treffen uns wöchentlich zur Redaktionskonferenz.

Wir anderen mussten dem Ministranten sagen, dass er doch etwas zu naiv wundergläubig sei, und das im Freiburger Münster inmitten dieser von alters her von Wissenschaft geprägten Stadt. Er wandte dagegen ein, es gebe wunderlich weinende Madonnen und das wunderbar wallende Blut des Hl. Januarius in Neapel. Warum sollte es dann keine wundersam triefende Nase geben? Wir entgegneten ihm, diese Nase sei gar nicht wegen einer wunderbaren Erkältung gerötet – der Ministrant ist farbenblind -, sondern aus einem anderen Grund anders verfärbt. Und was noch wichtiger sei: Es handle sich bei dem Bild gar nicht um ein Heiligenbild. Das mit der Verfärbung verunsicherte den Ministranten, aber dass das kein Heiliger sei, liess er nicht gelten. Er dozierte vielmehr: Seit kurzem haben die Päpste der katholischen Kirche offensichtlich ein Recht darauf, unverzüglich nach dem Ende ihres Pontifikats erst selig- und dann heiliggesprochen zu werden. Und das ist völlig richtig und logisch, denn in ihren vatikanischen Jahren zwischen all den rivalisierenden, sich und sie bekriegenden  vatikanischen Mafien wurden sie zu Märtyrern. Sie  waren nämlich  in exakt derselben Situation wie die frühchristlichen Märtyrer, die in Roms Arenen den wilden Tieren zum Frass vorgeworfen wurden und danach unverzüglich in den Himmel kamen. Da Benedikt XVI. sein Pontifikat beendet hat, ist mit seiner unmittelbar bevorstehenden Selig- und dann auch Heiligsprechung zu rechnen. Als Zeichen des Himmels sollte die wunderbar triefende Nase den Vatikan bestärken in dieser Absicht.

Der Historisch-Kritische leitete über auf ein anderes Thema und brachte das feine Wortspiel in Erinnerung, das in romanischen Ländern kursierte, als der Deutsche Papst geworden war. Man sprach vom „pastore tedesco“, „pastor alemán“, dem „deutschen Hirten“, was aber auch und vor allem „Deutscher Schäferhund“ heisst. Er wiess auf die theologische Finesse hin, die in diesem Wortspiel steckt: Die Kirche hat einen einzigen Guten Hirten und braucht keinen zweiten, aber einen guten Hirtenhund braucht sie wie jede andere Herde auch.

Die Verfärbung der Nase auf dieser Gedenktafel, die an den Besuch von Papst Bendikt am 24. September 2011 im Münster erinnert, gab uns weiterhin zu denken. Mit einer satten Mehrheit von 75% der Stimmen der Redaktionskonferenz schlossen wir ein Wunder aus. Es blieb nur eine immanent-physikalische Erklärung übrig: Grapschende Hände irregeleiteter Frommer, die über den physischen Kontakt mit dem Abbild magischen Kontakt mit der gemutmaßten magischen Kraft des Urbilds herstellen wollen. Seit einiger Zeit steht eine eher symbolische Schranke vor dem noch nicht ganz heiligen Bild. Die Münsterverwaltung will wohl seiner Nase das Schicksal ersparen, das die berühmten Zehen des berühmten St. Peter in der Peterskirche in Rom längst ereilt hat: Sie sind abgegriffen-platt geworden unter jahrhunderterlanger verehrender Begrapschung.

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