Der Sündenfall II

IMG_0458Das Tympanon über dem Innenportal der Turmhalle ist bogenförmig umrahmt von vier parallelen Reihen von kleinen Skulpturen in vier Archivolten. Die äusserste zeigt alttestamentliche Patriarchen.  Links und rechts unten die Basis von allen: Eva und Adam. Sie dürften etwa 70 cm gross sein. Die Schlange neben Eva kennen wir schon.

Ich finde es allerliebst, wie der Bildhauer des Endes des 13. Jahrhunderts die Evasünderin dargestellt hat. Der offene, interessierte Blick zeigt, ganz im Sinne von Gen 3,6, dass sie einfach wissen will. Und sie ist völlig arglos, in ungebrochenem Urvertrauen nimmt sie mit offenen Händen das Geschenk der Unbekannten entgegen. Sie kennt ja noch nicht das italienische Sprichwort: Ogni paradiso ha il suo serpente, jedes Paradies hat seine Schlange.

Übrigens: als „Sünde“ bezeichnet wurde das ganze, soweit ich weiss, im biblischen Kontext erst im Buch Jesus Sirach in der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts. Das ist eine sehr späte Schrift, die nicht in den Tanach, also die kanonischen Bibeltexte des Judentums, aufgenommen wurde. Unter den Christen sehen nur wir Katholiken sie als Teil der geoffenbarten Bibel an.  Und seit damals datiert der Blödsinn, Eva allein sei verantwortlich. Ab jetzt  wird die Meinung vertreten: „Von einer Frau kommt der Anfang der Sünde“ (Jesus Sir 25,24). Der Verfasser mag Frauen nicht sonderlich: „…jede Bosheit, nur keine Frauenbosheit“. Und brav gelernt von ihm hat etwas später der Verfasser des 1. Timotheusbriefs, den man fälschlich dem armen Paulus untergeschoben hat. Der setzt  kontrafaktisch noch eins drauf: „Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau liess sich verführen und übertrat das Gebot“. (2,14) Ja sicher, Adam war arg- und schuldlos und meinte sicher, sein Weib hätte das Obst vom Aldi.

Der Sündenfall ist ein hoch dramatisches Geschehen, aber in so wenigen, dürren Worten geschildert. Ist da wirklich nicht mehr passiert? Der Bibeltext gibt nicht mehr her, und unser schönes Bild, das ihn illustriert, auch nicht – oder doch? Christliche Denker haben sich erfolgreich um diese Frage gekümmert und kamen zu einem bemerkenswerten Ergebnis. Angeblich hat es zunächst der altchristliche Theologe Origenes im frühen 3. Jahrhundert formuliert: Doch, da gab es mehr – die beiden hatten irgendwie falschen Sex. Der Theologen liebste Sünde begann schon im Paradies. Ist es ein Hinweis darauf, dass die Schlange die Frucht in der Höhe von Evas Schoss hält?

Am nächsten Wochenende bleiben wir nochmals bei der Sünde.

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