Der Sündenfall III

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Hier also Adam aus der Patriarchenarchivolte des Turmhallenportals. Er ist im Augenblick nach dem Sündenfall erfasst. Er schämt sich zwar schon ein wenig. Aber er besitzt noch keine Hose, pardon, laut Einheitsübersetzung der Bibel muss es heissen: keinen Rock aus Fell. Er hat nur ein gigantisches Feigenblatt zur Hand (Gen 3,7). Er blickt überrascht-erstaunt, vermutlich sieht er zum ersten Mal bewusst über die Breite des Münsterportals hinweg seine Eva in ihrer betörend schönen Nacktheit. Sein Gesicht ist sehr jung. Und es zeigt keinen Schwerverbrecher, der sich bewusst wäre, ein ungeheures Delikt begangen zu haben.

Zugegeben, es gilt als Delikt, für dessen Sühne eigentlich die ganze Menschheit hingerichtet werden müsste. Aber die gibt es noch gar nicht und sie hat deswegen sicher auch nichts Strafwürdiges getan. Trotzdem wird dafür dann ein Gott liquidiert, der auch nichts angestellt hat. – Einwurf des spottenden Toren: Oder ob in dieser Massnahme Gottes, seinen Sohn zum Ausbaden abzukommandieren, sein Eingeständnis impliziert ist, dass er und nur er für diesen Haufen Elend, den man Welt nennt, verantwortlich ist? Er zitiert dazu die ihm sehr teure Frau L.E.M., die gesagt hat: „Wenn Gott allmächtig ist, ist er auch allschuldig.“

Unser Adam ist ein lieber Mensch, sehr ernst, und er hat keine Ahnung vom Ernst der Lage. Das ist aber gerade typisch für jugendliche Delinquenten, die man zu Recht nicht nach dem Erwachsenenstrafrecht be- und verurteilt. Aber mit Eva und Adam hat man das getan, und das war ein Justizirrtum, wie es dieses Foto deutlich zeigt.

Ob in unserer Geschichte die Erinnerung an die grösste Fehlleistung der Menschheitsgeschichte nachklingt, die sogenannte jungsteinzeitliche Revolution mit Sesshaftwerdung, Ackerbau, Viehzucht? Sie brachte Privateigentum, Arbeitsteilung, Maloche ohne Ende, Seuchen und Herrschaft und Ausbeutung bis aufs Blut weniger über die Vielen. Die Hypothese klingt  plausibel, und van Scheik und Michel haben sie in ihrem erfrischend-frechen Buch von 2016 wieder aufgewärmt. Aber hält kollektive Erinnerung in einer schriftlosen Kultur 10 000 Jahre, also etwa drei- bis vierhundert Generationen?

Die Miniatur des nächsten Wochenendes wird Eva rehabilitieren.

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