Die unverschämte Venus

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Mich wundert immer, warum die da hoch oben, etwa 65 Meter über dem Münsterplatz, wo sie keiner sehen kann, noch erbauliche Figuren hingehängt haben. Aber vielleicht ist es auch besser so. Knapp unter dem Ansatz des atemberaubenden Turmhelms finden sie sich rundum, die  Hauptsünden. Fünf sind übrig geblieben von ursprünglich sieben. Sie sind in der Art von Wasserspeiern gestaltet, aber ohne Regenrinne, werden deswegen Scheinwasserspeier genannt.

In der Redaktionskonferenz bekam der Ministrant Bauchkrämpfe bei diesem Thema. Da gibt es doch Leute, die der Ministrant als theologische Kleingewerbetreibende bezeichnet, die diese Figuren als die sieben „Todsünden“ benennen. Er referiert: „Todsünden“ liegen vor, wenn jemand bewusst und freiwillig ganz grossen Scheiss baut, und da gibt es keine Begrenzung auf sieben. Wenn man so etwas auf dem Kerbholz hat und beispielsweise auf der Landstrasse bei Tempo 160 einem Wildschwein ausweichen muss und ein Baum dazwischen kommt, dann landet man ungebremst in der Hölle. Die fünf bzw. sieben Figuren repräsentieren dem gegenüber die sieben „Hauptsünden“, gelegentlich mit dem Begriff „Laster“ in Beziehung gesetzt. Es sind tief verwurzelte Fehlhaltungen, die zu vielen Formen von Sünde führen können; es müssen keine Todsünden sein. In traditioneller Sicht sind es Stolz, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit.

Hier auf dem Bild ist die Wollust zu sehen, lateinisch Luxuria oder Voluptas genannt. Das Original von etwa 1325/1330 ist inzwischen im Augustinermuseum, die Kopie ist hübscher. Öfters wird sie als „Freiburger Venus“ bezeichnet. Und auf den ersten Blick hat sie  erstaunliche Ähnlichkeit mit einem bestimmten Typ der antiken Venus-Darstellungen, der „Venus pudica“, der gschämigen Venus. Diese verteilt ihre Hände möglichst keusch als Blickschutz über ihre nackte Oberfläche. Ich habe in aller Unschuld einen zweiten Blick gewagt. Auf der Suche nach der optimalen Perspektive für die Aufnahme der hübschen Person habe ich sie von verschiedenen Standorten aus fotografiert, und bei der Sichtung des Materials am Computer wurde ich leicht rot. Es handelt sich eindeutig um eine „Venus impudica“, eine unverschämte Venus. Im Redaktionsteam diskutierten wir, wie das dezent umschrieben werden könnte, und sammelten Vorschläge.

Der Ministrant druckste nur peinlich berührt herum. Der Historisch-Kritische trug folgendes bei: Seine Freundin in  Studententagen war ehemalige Nonnenschülerin. Sie erzählte ihm mal, sie seien damals im Internat mit viel Vergnügen auf ein nettes Wortspiel gestossen. Mit der Ersetzung von drei Buchstaben durch zwei andere gewinnt der lateinische moralische Spruch: „Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas“ = „Wenn auch die Kräfte fehlen, der Wille ist doch zu loben“ einen hübschen unmoralischen Sinn. Die Variante lautet: „Ut desint viri, tamen est laudanda voluptas“ = “Wenn auch die Männer fehlen, die Lust ist doch zu loben”. Er meinte, unsere Wollust hoch oben am Münster scheine die Variante auch gekannt zu haben. Der Tor sagte: „Vielleicht haben sie sie deswegen so hoch oben angebracht, wir sind ja an keinem Hindutempel.“ Dazu ich hatte ich nichts mehr hinzuzufügen.

Zum Ausgleich zeigt die nächste Miniatur am nächsten Wochenende den absolut sauberen Hl. Josef.

 

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