Maria Magdalena

 

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Das ist Maria Magdalena, eine der prominentesten Heiligen der römischen Kirche. Sie ist ein Kunstprodukt einer möglicherweise einseitig interessierten religiösen Phantasie. Sie ist kongenial den zusammenmontierten Horrorgeschöpfen des Dr. Frankenstein, aber nicht aus grässlichen Leichenteilen zusammengesetzt, sondern aus mehreren anmutigen Frauen. Dieses schöne Bild von ihr verdanken wir den frommen Schneidern Freiburgs, deren Zunft es im „Schneiderfenster“ im nördlichen Seitenschiff des Langhauses gestiftet hat,  zwischen 1220 und 1230. Sie ist reich und elegant gekleidet, mit rotem Kleid und prächtigem, aussen rot und innen purpurfarbenem Mantel. Die Schneider wollten in ihrem Fenster wohl zeigen, was man bei  ihnen bestellen konnte (so R. Becksmann im grossen Münsterbuch). Sie ist nur scheinbar schwanger,  ist vielmehr leicht gebogen, symmetrisch zu ihrer auf der anderen Seite des Fensters ebenso schwungvoll gebogenen Kollegin Katharina von Alexandrien. Zusammen rahmen sie eine ebenso anmutige Madonna. In der Hand hält sie eine Dose.

Die Heilige ist ein Ergebnis des Jurij-Gagarin-Effekts. Viele nach der Mission des russischen Weltraumpioniers (1961) geborene russische Knaben hiessen bzw. heissen für den Rest ihres Lebens Jurij. Kurz vor Christi Geburt muss es in Galiläa eine vergleichbare Mirjam gegeben haben. In den Evangelien heissen jedenfalls die meisten Frauen Mirjam, Ursache endloser Konfusion. Unsere Maria Magdalena begann ihre Existenz im Jahr 373, als ein gewisser Ephraim , genannt der Syrer, die Mirjam aus Magdala, die namengebend blieb, mit einer anderen Maria zusammenschmiss. Es ist die Maria von Bethanien, Schwester von Martha, der  eifrigen Hausfrau (vgl. Lk 10, 38-42). Aber nicht genug des Unsinns, er vermischte die zwei zusätzlich mit einer namenlosen Frau, die sich laut Lukas (Lk 7,37f) sehr sonderbar aufführte: Sie ging in ein Haus, in dem Jesus zu Gast war. Sie pirschte sich von hinten an den zu Tisch Liegenden an. Dann betröpfelte sie seine Füsse mit ihren Tränen, die sie wegen ihrer Sünden weinte, denn sie war eine „Sünderin“. Dann trocknete sie mit ihren langen Haaren alles ab und küsste seine Füsse. Schliesslich salbte sie sie mit wohlriechendem Öl, das sie in einem Alabastergefäss mitgebracht hatte. Das ganze kam bei Jesus sehr gut an, er war offenkundig nicht sehr kitzelig, wie der Tor anmerkte, und er vergab ihr ihre Sünden. Nachdem Papst Gregor der Grosse die Ansicht des Ephraim im Jahr 591 übernommen hatte, war allgemein anerkannnt, dass Maria Magdalena eine bekehrte Prostituierte war, denn so wurde das Wort „Sünderin“ übersetzt. Und das  Alabastergefäss, die Dose also, hat sie ab jetzt fast immer bei sich, wenn sie sich porträtieren lässt.

Der Tor weist auf folgendes hin: Es gibt Stimmen, die diese Legendenbildung über Mirjam von Magdala für abwertend halten, auch wenn christliche Liebe für reuige SünderInnen enorm gross ist. Weiter bezeichnen diese Stimmen sie als Schlusspunkt einer bereits im NT sich abzeichnenden Strategie. Ihr Ziel: Eine wichtige Frau der frühesten Kirche zu deckeln, damit die „heilige Herrschaft“ = Hierarchie von Männern in der Kirche nicht in Frage gestellt wird. Die Herren Johannes Paul II., Kardinal Ladaria und Co. hätten sonst ja Unrecht mit ihrer Behauptung, schon Jesus habe Frauen nur auf den hinteren, dienenden Rängen seiner Kirche sehen wollen. Der Ministrant hielt dem entgegen, dass doch im Sommer 2016 der Vatikan Maria Magdalena geehrt hat mit einem eigenen Fest statt nur eines Gedenktages und sie liturgisch den Aposteln gleichgestellt hat. Der Tor fragte, ob die katholischen Frauen wohl so blöd sein werden, sich mit einem Feschtle für eine der ihren statt unvermeidlicher struktureller Änderungen zufrieden zu geben. Da wagte ich einzuwenden, das könnte man auch interpretieren als vorsichtiges  Abrücken von der Ladaria- Santo-subito-Doktrin. (Zur Erinnerung: Kardinal Luis Ladaria ist Chef der römischen Glaubenskongregation und damit oberster Hüter der Reinheit des kirchlichen Glaubens; „Santo subito“ = „plötzlich Heiliger“ ist der profanrömische Ehrentitel für den so schnell geheiligten J.P.II.)

Die Miniatur der nächsten Woche bleibt nochmals bei unserer Mirjam und geht der drängenden Frage nach: Hatte Jesus was mit ihr?

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