Mirjam von Nazareth?

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Wie schon einmal gesagt, sie ist wunderschön, die Stelle aus dem Johannesevangelium, wo Mirjam ihren toten Rabbi  tränenüberströmt sucht und ihn wunderbar lebendig findet. Vor lauter Tränen erkennt sie ihn nicht, und erst, wie er sie beim Namen nennt, schaut sie ihn richtig an und sieht, wer er ist. Sie will ihn anfassen, aber das geht nicht, leider. Sie weinte also Rotz und Wasser um ihn, und zu Erstlebzeiten gab es eine Vertrautheit zwischen ihnen, die auch ein Anfassen des anderen einschloss, so legt es diese biblische Tradition nahe.

Schon das liess Assoziationen aufkommen. Und dann gibt es spätere Texte, die nicht eindeutig sind. Das sog. Philippusevangelium, vermutlich aus dem späten 3. Jahrhundert, nennt Mirjam „Gefährtin“ Jesu, und dann heisst es: „Er küsste sie auf…“. Und dann ist da, wo es interessant wird, ein Loch im Papyrus. Wenn ich richtig verstanden habe, ist die Lücke im Text so gross, dass da durchaus „Mund“ stehen könnte, aber „Fuß“, „Wange“ und „Stirn“ würden auch passen. Es gab also auch später noch eine Tradition, die die Mirjam aus Magdala in einer besonderen Nähe zu ihrem Meister sah. Aber wie weit die ging und auf welcher Ebene sie bestand, bleibt offen: Küsse hätten zu dieser Zeit und in diesen Kreisen primär die Weitergabe spirituellen Wissens symbolisiert. Und dann ist es mit Traditionen immer so eine Sache: Ob sie Hand und Fuss haben, kann häufig niemand entscheiden.

Trotzdem gibt es Leute, die überzeugt sind, dass Mirjam von Magdala und Jesus von Nazareth miteinander verheiratet waren. Dann hiess sie wohl Mirjam von Nazareth nach dem Nachnamen ihrs Mannes. Seit wann diese Erzählung kursiert, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Nachdem sie mehrfach bildgewaltig in Filmszene gesetzt worden ist und das ZDF in Dokumentationen ihre Richtigkeit „bewiesen“ hat, kann man ihre historische Wahrheit kaum mehr bezweifeln…

Im Redaktionsteam waren wir uneinig: Ich selber meinte, der Rabbi Jesus als so etwas wie ein jüdischer Geistlicher, der nicht im Schatten des Freiburger Münsterturms aufgewachsen und im Collegium Borromäum ausgebildet worden war, musste doch eigentlich eine Frau gehabt haben. Die Juden haben doch auch so was wie einen Zölibat, nur andersrum, nicht Ehelosigkeit als Pflicht, sondern Ehepflicht für ihre Geistlichen. Und beide sind mir sympathisch, ich sähe sie gern als Paar. Der Ministrant war unangenehm berührt von der Vorstellung, Jesus wäre gar Papa gewesen: Der braungelockte Jesus zahlloser Herz-Jesu-Bilder, Urbild des zölibatären katholischen Priesters, und selber nicht zölibatär? Nein danke. Der historisch-kritische Bibelleser lachte und meinte, diese Geschichte vom verheirateten Jesus könne man den Brüdern Grimm anbieten; sie sei historisch so verlässlich wie die meisten ihrer Märchen und auch schön. Der Tor ist von der Geschichte total begeistert; er meint, sie belege seine alte These, Michelangelos vatikanische Pietà zeige gar nicht die Mutter Jesu, sondern seine arme Frau Mirjam von Magdala; sie ist  ja sichtlich nicht 15 Jahre älter, sondern 10 Jahre jünger als ihr Toter. Und dann finde der Umstand, dass Mirjam im Neuen Testament nach Ostern nicht mehr erwähnt wird, eine einfache, verschwörungstheoriefreie Erklärung: Jesus hat seine geliebte Frau bei seiner Himmelfahrt gleich mitgenommen – selbst für Gott würde der Himmel ohne seine Herzliebste diesen Namen nicht verdienen.

Unser Bild zeigt die Begegnung am Ostermorgen. Und damit das Missverständnis Mirjams nachvollziehbar wird, hat der Glasmaler dem Herrn Jesus ein Gartengerät in die Hand gegeben. Mirjam hat auch etwas in der Hand, ihre Dose. Der Stil des Gemäldes ist eigenartig, weil das Bild auch etwas aus der Reihe der sonstigen Glasfenster tanzt. Es stammt aus dem Konstanzer Münster, wurde im 19. Jahrhundert  im Zuge der Auflösung des Konstanzer Bistums nach Freiburg gebracht. Hergestellt wurde es wohl in einer Ulmer Werkstatt um das Jahr 1430, ist also über 100 Jahre jünger als die meisten mittelalterlichen Fenster des Freiburger Münsters. Heute befindet es sich im „Konstanzer Fenster“, ganz vorne im rechten Seitenschiff.

Die nächste Miniatur ist wieder einer schönen Frau gewidmet, aber nicht irgendeiner, sondern Unserer Lieben Frau.

 

 

 

 

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