Königin Maria

IMG_2732 - Kopie

Nein, sie schickt kein Personal, sie tritt uns höchstpersönlich am Portal ihres Münsters entgegen, um uns als ihre lieben Gäste zu begrüssen, die bezaubernde Trumeau-Madonna in der Turmhalle.

Vor allem Respekt ist jetzt geboten, bei allem „liebe“, vor allem ist sie die „Frau“, seinerzeit also die „Frouwe“, die verheiratete hochadlige Dame. Sie ist sehr zierlich, etwa 150 cm gross samt Krone, rank und schlank, ja schmal, deswegen wirkt sie grösser als sie ist. Die klare senkrechte Linie ihres Körpers, von der nur die leichte seitliche Neigung ihres Kopfes etwas abweicht, übt einen besonderen Reiz aus. (Das sieht man natürlich am besten in Frontalsicht, aber die hier gewählte leichte Seitensicht wird der Anmut der Figur mehr gerecht.)Diese Linie ist nicht nur der Ästhetik geschuldet, sondern auch der technischen Notwendigkeit: Das Portal musste weit sein für die vielen Menschen und auch für Prozessionszubehör und gelegentliches Baumaterial. Die Trumeau-Madonna hätte gefährlich gelebt, wenn sie mit Ellenbogen, Hüfte oder Baby in den freien Raum der Portalhälften geragt hätte. Ihr anderes Ich, die Sternenkleidmadonna innerhalb des Portals, hat da viel mehr Spielraum.

Sie ist eine verheiratete Frau, das zeigen der Ring am Ringfinger ihrer rechten Hand und ihr Kopftuch, das man „Schleier“ nannte und nennt. Dessen vorderer Rand ist zurückgeschlagen und lässt die Sicht frei auf  ihr schönes, volles Haar. Er wird auf sehr exquisite Art gehalten von ihrer Himmelsköniginnenkrone. Das linke Ende des Schleiers  ist kurz und reicht nur knapp über das Kinn der hohen Frau, das rechte ist überlang und dekorativ  knapp unterhalb des Halsausschnitts des Kleids auf die linke Schulter geführt.

Die Haltung der rechten Hand mit der Rose zeugt von höchster Eleganz der Dame; sie hält die Rose wie oder an Stelle eines Szepters. Diese Rose ist voller Theologie, die man bei Morsch nachlesen kann.

Die Kleidung ist sehr vornehm, aber keineswegs protzig-prunksüchtig; das wäre ja kein gutes Beispiel für die Freiburger Prominenz. Die Dame trägt ein relativ schlichtes Kleid, einfarbig und grade fallend. Lediglich am Halsausschnitt und an den Ärmeln sind Zierborden appliziert, und die Raffungen unterhalb der Brust lassen einen hoch sitzenden Gürtel vermuten. Und vornehm lang ist das Kleid, überlang – man kriegt Angst um sie und den Kleinen bei der Vorstellung, sie mache auch nur einen einzigen Schritt nach vorne. Zum eleganten Raffen des Kleids hat sie ja keine Hand frei.

Der Mantel ist majestätisch-gigantisch, zweifarbig und somit zweilagig, teuer. Wie die ursprünglichen Farben von etwa kurz nach 1281waren, ist (mir) unbekannt. Er ist kunstvoll geschlungen und wird überwiegend von Marias linkem Ellenbogen an Ort und Stelle gehalten, wie D. G. Morsch in seinem Turmhallenbuch genau beschreibt – er weiss das, weil er das beneidenswerte Glück hatte, während der Grossputzete der Turmhalle in den Jahren ab 1999  auf das Gerüst steigen und allen Engeln und Heiligen dicht auf die Pelle rücken  zu dürfen.

Hier klärte sich übrigens dem Ministranten eines der grössten Rätsel seiner Kirchengeschichte, nein, nicht das der Päpstin Johanna, sondern das des Mantels des Hl. Martin. Er hatte sich immer seinen eigenen Mantel der Länge nach halbiert vorgestellt: Was sollte der Bettler mit einem einzigen Ärmel, einer Knopfleiste ohne korrespondierende Knöpfe, die eine Seite seines ausgehungerten Leibes warm, die andere umso kälter? Hier kann man sehen, dass die Urform des Mantels in der Spätantike und im Mittelalter keine Knöpfe, keine Ärmel hatte, vielmehr eine ganz einfache Decke war, rechteckig und ziemlich lang. Man hat ihn um sich herumgewickelt, wenns kalt war auch doppelt gelegt, und so was konnte man halbieren, der Quere nach, und da hatten immer noch zwei leidlich warm.

Der Ministrant meint, sie wirke leicht etruskisch. Morsch hat näher liegende Verwandte entdeckt: Die Könige in den Archivolten ums Tympanon rum haben zum Teil ähnliche Gesichtszüge, dieselbe schmale Nase, dieselben hochschwingenden Augenbögen, denselben Schmollmund. Die Royals sind ja irgendwie alle miteinander verwandt.

Die nächste Miniatur zeigt uns einen der ganz grossen Meister, die am und im Münster gearbeitet haben, lebensecht abgemalt.

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