Hans Baldung, genannt Grien

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Mit einem befreundeten Paar, Künstler beide, Maler, stand ich im Umgang des Hochchors vor der Rückseite des Hochaltars mit seinem schrecklichen Bild von der Kreuzigung Jesu. Sie haben ihn lachend sofort erkannt, den Hans Baldung, genannt Grien, zwischen den vielen darauf befindlichen Gestalten: Ein Maler weiss, wie ein Maler die Betrachter seiner Bilder betrachtet.

Wie bei jeder ordentlichen Darstellung der Kreuzigung Jesu hat Hans Baldung Grien die Menschen unterm Kreuz sortiert, rechts, das heisst für den Betrachter links, die Gerechten, links bzw. rechts die Sünder. Und er hat sich zu den Sündern gesellt und zwischen die Sünder gemalt; warum, darüber rätselt die Kunstwelt. Der Tor meint, von sich auf andere schliessend, es geschah aus Einsicht. Betrachtet man sein Gesamtwerk, so ist man geneigt, ihm zuzustimmen, Hans war kein Kommunionkind. Das Altarretabel unseres Münsters mit seinen insgesamt acht grossen Bildern gilt zwar als sein Hauptwerk, aber ausserhalb von Freiburg sind seine verführerisch-sinnlichen weiblichen Akte bzw. Hexen viel bekannter. Er gilt als Pionier auf diesem Gebiet, behauptet man doch, er habe als erster Maler der Neuzeit gewagt, weibliches Schamhaar abzubilden; die Nachwelt dankt es ihm. Und diese Werke waren sicher nicht nur art pour l’art, Kunst um der Kunst willen, sondern sozusagen auch Gebrauchskunst zum genüsslichen Geniessen. Das zeigt eine persönliche Widmung auf einem dieser Blätter für einen namenlosen Strassburger „Kleriker“ – es gab damals ja noch keine Computer, weswegen man damals noch nicht ins Internet kam.  (Dieser kleine Scherz stammt nicht aus der Redaktionskonferenz, sondern ist vom Komödianten Nuhr ausgeborgt.) Ein Teil dieser Werke ist zeitgleich mit unserem Altar entstanden, seine Immagination in dieser Zeit war also nicht völlig vom Altarthema der Jungfrau Maria und ihren insgesamt fünf lieblich-reinen Gesichtern absorbiert.

Er kam 1484 oder 1485 in Schwäbisch Gmünd zur Welt, die Familie zog aber bald nach Strassburg, wo er die längste Zeit seines Lebens verbrachte. In der Jugend war er allerdings mobil, unter anderem lebte er von 1503 bis 1506 in Nürnberg und war Geselle in der Werkstatt von Albrecht Dürer; hier erhielt er wohl seinen Spitznamen „Grien“ (=Grün), den er seitdem stolz führte. Von dort kam er auf einem Umweg wieder nach Strassburg, wo es ihn aber nicht sehr lange hielt: 1512 zog er mit Sack und Pack, das heisst mit der gesamten Werkstatt und seinem jungen Weib nach Freiburg, wo er bis 1516 unseren Altar und noch manches andere malte. Dann kehrte er 1516 oder 1517 endgültig nach Strassburg zurück, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1545 blieb. Schon zu Lebzeiten galt er als einer der ganz Grossen seiner Zeit.

Die nächste Miniatur am nächsten Wochenende führt uns in die ferne oder vielleicht gar nicht so ferne Zukunft: Ans Ende aller Tage.

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