Sankt Peter ohne Sahnehäubchen

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Es geht heute um den bärtigen Herrn mit dem festen Blick. Die Münsterbücher loben sein charaktervoll-markantes Antlitz voller Energie und Tatkraft und beschreiben seine Hände als Hände, die hart gearbeitet haben und davon krumm wurden. Ich sehe das anders: Ich habe Hände gesehen, die ein Leben lang hart gearbeitet haben, aber die sahen ganz anders aus als diese hier. Die hier haben nicht viel gearbeitet, sind glatt, aber die rechte umklammert etwas derart krampfhaft, dass die Knöchel weiss durchscheinen, und die linke krallt gierig etwas unter dem Mantel. Und das Gesicht ist heimtückisch, lauernd, böse. Im Gegensatz dazu sind die vier anderen Gesichter ernst, bedächtig, aber friedlich. Und über den fünf Köpfen um den Herrn in der Mitte sieht man so etwas wie Sahnehäubchen und vage angedeutete Gloriolen, aber er hat nichts Derartiges.

Natürlich sind das keine Sahnehäubchen, die die fünf Apostel hier auf dem rechten Flügel des Hochaltars tragen, sie sahen für mich im ersten Moment nur so aus. Es sind Feuerzungen, die an Pfingsten auf die Apostel und Jünger Jesu herunterkamen, als der Geist sie erfüllte (Apg. 2,3). Und auch die anderen sechs Apostel, die auf dem linken Flügel des aufgeklappten Hochaltars sehr ernst dreinblicken, die man hier nicht sieht, haben alle diese Sahnehäubchen resp. Geistfeuerzungen, auch der dort in der Mitte sehr, sehr ernst blickende Paulus. Nur der Petrus in der Mitte des rechten Altarflügels, den unser bärtiger Herr darstellt, eigentlich doch der Chef, hat das nicht. Was geht hier vor?

Ich muss gestehen, ich kam nicht selber drauf, hab auch gar nicht alles gleich gesehen. Ich bekam eine Sehhilfe. Ich habe im Chor des Münsters fotografiert, und da bekam ich mit einem Ohr mit, wie ein Herr einer Gruppe das Hochaltarbild mit der Krönung der Madonna im Zentrum und der Ausgiessung des Heiligen Geistes auf die Apostel an Pfingsten auf den beiden seitlichen Altarflügeln zeigte und erklärte. Und da sah ich selber: Petrus hat keinen Heiligen Geist; Petrus ist ein gieriger Raffke, der mit Geierhänden seinen Schlüssel festkrallt; Petrus ist ein böser Greis, und Paulus schaut ihn über die ganze Marienkrönung hinweg, die zwischen ihnen dargestellt ist, zutiefst missbilligend an. Und natürlich ist nicht der gute Mann vom See Genesareth gemeint, sondern die, die ihre missbrauchend ausgeübte Macht auf diesen Mann zurückführen, die Päpste. Das Bild ist Papstkritik vom Radikalsten und vom Feinsten. Wohlverstanden, das ist keine Kirchenkritik, sondern Kritik der Kirche, verkörpert durch Paulus, am Papsttum.

Der Altar entstand in den Jahren 1512 bis 1516. Papstkritik lag in der Luft. Im Jahr 1517…, nun ja, das weiss man. War Hans Baldung Grien, der Maler, der alleinige Vater dieser genialen Kritik oder hatte er theologische Berater? Jedenfalls scheint es sicher zu sein, dass er diesen Flügel eigenhändig gemalt hat, während der andere Flügel eher Gesellenarbeit ist. Und zuzutrauen ist sie ihm, hat er sich doch bald nach seiner Rückkehr nach Strassburg nach Vollendung des Altars als Anhänger Luthers geoutet: Einem 1521 erschienenen Buch mit Schriften von Luther hat er einen Stich beigesteuert. Er verwendete eine Vorlage von Lukas Cranach und bereicherte Cranachs markanten Lutherschädel mit einem Heiligenschein und der Geisttaube über ihm – eine in den frühen Jahren der Bewegung gar nicht unübliche Form der Reklame. Wie man lesen kann, blieb er für den Rest seines Lebens überzeugter, aber nicht fanatischer Protestant. Und warum hat Luther nicht ein bisschen von dieser feinen Art gelernt? Seine Reformation wäre appetitlicher gewesen. – Den klugen Herrn von der Besichtigungsgruppe würde ich sehr gerne kennen lernen und von ihm durch das Münster geführt werden.

Nächste Woche geht es um den Grössten der von einem Weib Geborenen; wen wohl?

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