Der Sturz der Engel – Teufel III

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In der Spitze des Tympanons des Schöpfungsportals an der Nordseite des Chors sitzt Gott, der Herr. Und ein hässlicher, mit Fledermausflügeln ausgestatteter kleiner Typ versucht, sein Thrönchen an Stelle von Gottes Thron zu stellen. Aber Gott wehrt ihn, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, nur mit einer Hand lässig ab, wie man etwa ein zudringliches Hündchen wegschiebt. Die Szene schildert  einen folgenschweren Vorfall: Einer aus dem himmlischen Hochadel, ein Erzengel, hat sich gegen Gott aufgelehnt, hat  versucht, ihn zu entmachten, scheitert kläglich, fliegt aus dem Himmel, verliert stante pede seine Lichtgestalt und organisiert ab jetzt die Opposition im Exil. Woher wusste man das im Jahr 1360 in Freiburg/Br.?

Der Historisch-Kritische hat es ausbaldowert: In apokalyptischen Schriften, dem „Buch Henoch“ und dem „Buch der Jubiläen“, die keinen Eingang fanden weder in den Tanach, also die jüdische Bibel, noch in das christliche AT, taucht spätestens um 180 v.Chr. eine  Geschichte in unterschiedlichen Fassungen auf. Sie beschreibt, wie ein Teil des himmlischen Hochadels mit Gefolgsleuten aus der Rolle und dem Himmel fällt und in absolute Gegnerschaft zu Gott kommt. Namen dieser Herrschaften und Art der Verfehlung variieren; sie heissen Satan, aber auch u.a. Beelzebul, Belial, Fürst der Finsternis. Erst in dieser späten Zeit ist Satan in Teilen des jüdischen Denkens also die Personifizierung des Bösen.

Als Grund der Revolte wird von den einen genannt, es habe sich dabei um den merkwürdigen Vorfall gehandelt, der in der Bibel in Gen 6 beschrieben wird: Da haben „Gottessöhne“, die später als Engel interpretiert wurden, gesehen, „wie schön die Menschentöchter waren“, und das hatte auch damals schon Konsequenzen in Form von Kindern. In Gen 6 werden diese Kinder sehr positiv gesehen, als „Helden der Vorzeit, die namhaften Männer“. Jetzt in der knapp vorjesuanischen Apokalyptik werden sie zu Dämonen und Gefolgsleuten ihrer verruchten Väter, die die Finger hätten weglassen sollen von den schönen Menschentöchtern und deswegen aus dem Himmel flogen. Diese Geschichte glaubten anscheinend die neutestamentlichen  Verfasser des 2. Petrusbriefs (2,4) und des Judasbriefs (6) auch. Eine zweite Variante meint, die Engel hätten einen Vorrang der nach ihnen geschaffenen Menschen anerkennen müssen, was Satan ablehnte und rausflog. Das vermutlich aus dem 1. Jhdt v.Chr. stammende „Leben Adams und Evas“ weiss dann, dass der Teufel aus dem so gespeisten Hass auf die Menschen Eva verführte. Die dritte Variante sieht den Hochmut eines Oberengels, der sich gegen Gott auflehnte und an seiner Stelle thronen wollte, als Grund, – vermutlich in unserem Bild dargestellt. Auf jeden Fall war jetzt, aber jetzt erst, der neidische Satan vorhanden, der Eva in Gestalt der Schlange verführen konnte.

Exemplarisch beschrieben sah man das schon damals und ab damals bei wortwörtlichen Bibellesern bis heute in einer Jesajastelle (14,12-15), in der es keineswegs um himmlische Konflikte, sondern um den sehr irdischen Sturz eines sehr prominenten zeitgenössischen Fürsten ging – wie ich gelesen habe, Nebukadnezar, König von Babylon; blumig wird dort der Sturz des einstigen „Morgensterns“ und „Lichtträgers“ – lateinisch „Luzifer“, daher der Name – in die tiefsten Tiefen geschildert. Wie gesagt, der Text hat ursprünglich nichts zu tun mit Engeln und Himmelskampf, aber so hat man so etwas wie einen biblischen Beleg für die dramatische Geschichte, die auch flugs ins Gedankengut der frühesten christlichen Kirche eingeht.

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