Gabriels wichtigste Post

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Don Daniele, liebenswerter Pfarrer in C. in den italienischen Seealpen, vertritt die Meinung, der Tag, an dem der Erzengel Gabriel bei Maria vorbeigeschaut hat, sei der wichtigste Tag der ganzen Weltgeschichte.  Seine kleine Kirche ist der „Maria SS. Annunziata“ geweiht, Maria der Angekündigten.

Unser Engel hier ist dieser Gabriel. Er ist etwa 60 cm gross und befindet sich ziemlich hoch oben, an einem Gewölbeschlussstein im spätgotischen Chorumgang vor dem nördlichen Choreingangsraum, also innerhalb des Schöpfungsportals. Er wendet sich an die Jungfrau, die ein paar Meter weg von ihm den Schlussstein in diesem Eingangsraum selber ziert.

Der Ministrant meinte, er hätte einen dick verbundenen Mittelfinger der rechten Hand; aber davon weiss die Verkündigungsgeschichte (Luk 1, 26ff)  nichts zu berichten, deswegen schaute er genauer hin und sah, dass er das aufgewickelte Ende eines Spruchbandes in der rechten  Hand hat, das im weiteren Verlauf seine Adressatin begrüsst und sich dann locker um den Heroldstab schlingt, den er in der linken Hand hält.

Auf unserem Bild stapelt er tief, wie er es vermutlich auch damals in Nazareth gemacht hat – ein wohlerzogener Oberministrant aus guter Freiburger Familie könnte man meinen, kurz vor dem Abi. Hätte er sein wahres Gesicht und seine wahre Gestalt gezeigt, wäre die Jungfrau vermutlich ohnmächtig vor Schreck von ihrem Kniebänkchen (s. nächste Miniatur) gekippt, so wie es dem Propheten Daniel  bei der Begegnung mit ihm passierte (Dan 10,9). Er ist gewaltig, schon nach jüdischer Tradition einer der Erzengel, und er bildet zusammen mit seinen Kollegen Michael, Uriel, Raphael und anderen die Gruppe der sieben höchsten Engel. So ein Briefträger bringt nur wichtigste Post.

Die münsterbausüchtigen Freiburger haben am Vortag zum Fest der Verkündigung des Jahres 1354 den Grundstein für ihren aberwitzigen neuen spätgotischen Chor gelegt, finster entschlossen, den  zugegebenermassen etwas kleinen,  erst etwa 120 Jahre alten spätromanischen Chor abzureissen. Aber bald ging ihnen das Geld aus, und der Bau stagnierte an die 100 Jahre lang. Erst um 1470 gab es neuen Wind und neues Geld, und so wurde das gewaltige Bauwerk in den nächsten 60 Jahren so ziemlich fertiggestellt (wirklich fertig war das Münster nie). Die Einwölbung des Choreingangsbereichs  und damit die Fertigung unseres Schlusssteins erfolgte in den Jahren vor 1515, wie Frau Zumbrink in ihrem schönen Büchlein über die Gewölbeschlusssteine des Münsters vermutet. Wohl im Gedenken an das Datum der Grundsteinlegung wurden die Schlusssteine des Eingangsbereichs mit den zwei Bildern von der Verkündigung geschmückt. Wie unser Engel farblich gefasst war, weiss man nicht; die heutigen schönen Farben, immer wieder mal abgestaubt, stammen aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts.

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