Ein armer Hund

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Die folgende Miniatur ist jugendfrei erst ab 16. Sie ist schrecklich, sie gefällt uns allen nicht.

In der Not frisst der Teufel  Fliegen, und ein armer Hund auch das, was er kriegt. Der hier ernährt sich während der Kreuzigung Jesu von den Resten von Jesu Vorgängern. Diese Bilderzählung ist etwa um 1515 der etwas sperrigen künstlerischen Phantasie des Hans Baldung Grien entsprungen und findet sich auf der Rückseite des Hochaltars, ganz links unten im Eck der auch sonst schrecklichen Darstellung der Kreuzigung. Krasser geht nimmer. Was meinte Hans Querkopf damit? Phöbe hat recherchiert, fand aber nichts in den schönen Münsterbüchern. Sie machte uns selber einen Reim drauf.

In der sekundären Jesusbewegung, also im Denken und Reden der Überlebenden der Katastrophe der primären Bewegung, spielte der Tod Jesu am Kreuz eine zentrale Rolle, man ging diesen Grössten Anzunehmenden Unfall offensiv an: Nein, das war gar keine Panne, sondern es war (im wörtlichen Sinn) not-wendig. Und deswegen stand dieser Tod im Zentrum der post-jesuanischen Deutungen.  Der grosse Propagandist Paulus sagt das so: „Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten…“ (1 Kor 22f.) Im Hoch- und Spätmittelalter, gerade durch die Mystik, die damals blühte, wurde das Bewusstsein von einem der vielen Aspekte dieses Geschehens, das vom schrecklichen Leiden des armen Menschen Jesus, entwickelt und gepflegt. Visualisiert wurde diese Sicht in spätgotischen Kreuzesdarstellungen und in Kunstwerken der Renaissance – in unserer unmittelbaren Nähe haben wir den Isenheimer Altar in Colmar, den im Grab liegenden Jesus in Basel und eben den Hochaltar des Münsters Unserer Lieben Frau. Da wird nichts beschönigt, dem Anhänger dieses Jesus, dem Christen,  erspart Hans Baldung nichts von den schrecklichen Tatsachen seiner Erlösung: Verreckt ist der Herr, als Schwerverbrecher umgebracht unter Schwerverbrechern, die nicht einmal ein Grab bekommen, sondern von streunenden Hunden entsorgt werden. Der Ministrant war etwas überrascht, er hatte bisher gemeint, Mystik sei irgendwie etwas Kuscheliges. Ferner merkte er an, im Wohlfühlchristentum der Wohlstandsgesellschaft sei der Schrecken des Kreuzes bemerkenswert  marginal geworden, wie ihm scheine.

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