Katharina

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Das ist die heilige Katharina von Alexandrien mit Rädle und Schwert. Ihr Weg zur Märtyrerkrone war verschlungen, wie Phöbe, unsere Redaktionsteilzeitpraktikantin, recherchiert hat. Sie konsultierte dazu die „Legenda Aurea“ (= „Goldene Pflichtlektüre“), die famose Heiligenlebensammlung des Hochmittelalters. Erst wurde Katharina schrecklich geschlagen, dann zwei Wochen Einzelhaft ohne Essen und Trinken, dann sollte sie von einem furchtbaren Marterrad zerfleischt werden – deswegen das Rädle als kennzeichnendes Attribut – und schliesslich wurde sie enthauptet – daher das Schwert auf ihren Bildern. Dabei hat sie 50 Weise, 200 Ritter, einen hohen Offizier und eine Kaisersgattin nebenbei zum Christentum bekehrt, die allesamt unverzüglich gemärtyrert wurden. Das Marterrad funktionierte nicht, weil es von einem Engel zerschlagen wurde. Seine Trümmer töteten 4000 Heiden, die da rumstanden und kein Mitleid verdienen. Ja, und während dieser ganzen Prozedur hat sie drei Heiratsanträge des  sie peinigenden römischen Kaisers ausgeschlagen. Und damit war sie so heilig, dass sie im Mittelalter nach der Jungfrau Maria die zweitwichtigste Heilige im römischen Olymp war. Katharina erfuhr posthum weitere Unbillen: In der Neuzeit meckerten Leute herum, sie sei gar nicht historisch, und im nachkonziliaren Überschwang wurde sie 1969 deswegen sogar aus dem offiziellen Römischen Heiligenkalender gestrichen. Aber unter dem Heiligen Papst JP II wurde sie 2002 wunderbarerweise wieder eingefügt, wofür sie diesem, als er auch im Himmel war, sicher ein wahrhaft himmlisches kollegiales Lächeln geschenkt hat.

Diese Rehabilitation sei  richtig gewesen, meint der Tor, denn mit ihrem Nicht-historisch-Sein verhalte es sich komplizierter, zugleich sei sie nämlich auch historisch: Es gab, so meint er, nie eine christliche Frau namens Katharina, die in beschrieben komplizierter Weise um das Jahr 300 herum vom Leben zum Tod gekommen wäre. Wohl aber gab es eine heidnische Philosophin namens Hypatia, die im Jahr 415 grauenvoll zu Tode gequält worden ist. Zwischenzeitlich waren die Christen an der Macht, und vermutlich auf Betreiben des Heiligen (!!!) Patriarchen  Kyrill von Alexandrien, eines gewaltbereiten Machtmenschen, war ein christlich-mönchischer Mob im Dienste der neuen siegreichen Wahrheit tätig geworden. Manche Historiker nehmen an, ihr schreckliches Schicksal habe mit leichten „Korrekturen“ die Vorlage abgegeben für die Katharinengeschichte.

Der Ministrant fragte sich und uns: Wie konnte jemand so bescheuert sein, so viel Blödsinn am Stück zu produzieren, und noch bescheuerter mussten und müssen die sein, die diesen Schwindel glauben. Der Historisch-Kritische gab zu bedenken, man müsse den antiken und frühmittelalterlichen Legendenschreibern zu Gute halten, dass sie doch in einer etwas schwierigen Situation waren: Sie mussten in einem Aufwasch das leisten,  was heutzutage Rosamunde Pilcher, Stephen King und Pater Anselm Grün arbeitsteilig liefern. Und die Verehrenden der Heiligen tun das nicht aus ihrem Verstand heraus, sondern sie tun es um des Wohlfühlfaktors willen, einer der vor allem heutzutage mächtigen Triebfedern religiöser Existenzen, wie der Tor meint.

Aus dem Schneiderfenster schaut die Katharina der heutigen Miniatur seit etwa 1320 etwas skeptisch über uns weg an uns vorbei zur Madonna, die links von ihr lieblich lächelt. Wie Loriots Feuerwehrmann mit dem Ball, so spielt sie lässig mit ihrem Rädle.

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