Hochmut ohne Fall

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Er wollte schon immer hoch hinaus, der Grosse Alexander. Und nachdem er die halbe Welt erobert, hatte, wollte er buchstäblich in den Himmel. Die Konstruktion war genial: An eine Art Ballonkorb liess er an zwei Leinen oder Ketten zwei Greife festbinden, die diesen Korb mit ihm drin hochheben sollten. Und damit sie Richtung hielten – wie Pferde Dressieren war bei diesen Fabelwesen ja nicht drin – hielt er ihnen in der gewünschten Richtung an einer Stange je einen toten Hasen vor den gierigen Schnabel. Die Sache funktionierte, wie er seiner Mutter schrieb, fand allerdings ein Ende, bevor er ganz oben war, weil ein überirdisches Wesen, dessen Natur unklar ist, ihn zur Rückkehr aufforderte; er gehorchte prompt. Jedenfalls war er sehr hoch gelangt, und er landete wohlbehalten 10 Tagesmärsche weit vom Startpunkt. (Hoffentlich hatte er es wie mein Bekannter, der Heissluftballon fuhr, geregelt: Seine Freundin verbrachte die meisten Sonntage im VW-Bus, aus dem sie mit dem Feldstecher verfolgte, wohin die Winde ihren Jupp entführten, um ihn am Abend samt Fluggerät dort aufsammeln zu können.) Diese Geschichte von Alexanders Greifenfahrt kennen wir aus dem „Alexanderroman“, der in unterschiedlichen Fassungen seit der Spätantike verbreitet war und im Mittelalter angeblich das nach der Bibel meist verbreitete Buch Europas war. Der Tor meint dazu, dass es Alexander wie Jesus ging, nur nicht ganz so schlimm; über beide seien Dichtung und Wahrheit in einem nicht entwirrbaren Knäuel verknotet. Die Geschichte wurde häufig in der darstellenden Kunst aufgegriffen, so auch im Basler Münster und, wohl von der gleichen Steinmetzwerkstatt geschaffen, auch bei uns.

Wir finden die Darstellung im Portal der alten Nikolauskapelle, die 1507 zum blossen Durchgang in den spätgotischen Chorumgang degradiert worden ist. Sie ziert rechts oben ein Kapitell. Uneinig waren wir uns in der Redaktionskonferenz über die Bedeutung des Kunstwerks. Der Ministrant referierte, was man gängigerweise dazu liest: Alexander ist das abschreckende Beispiel für eine ganz schlimme sündige Fehlhaltung, für die Hoffahrt und den Hochmut. Und nur so, als Beispiel für Sünde, hat die Geschichte eine Legitimation, in diesen Heiligen Hallen vorzukommen. Der Historisch-Kritische meinte, so könne man die Geschichte nur lesen, wenn sie zuvor mit einem gehäuften Esslöffel „Doppelmoralinsauer forte“ nach Art des christlichen Hauses abgeschmeckt worden sei; davon stehe im Alexanderroman überhaupt nichts. Und ins Münster sei die Geschichte gekommen wegen der sattsam bekannten Freude der romanischen Steinmetze und ihrer Auftraggeber am Fabulieren. Erst in der Gotik hätten sich puristische theologische Spassbremsen durchgesetzt und der Mummenschanz sei aus dem Kirchenraum verschwunden; nur letzte Reste hätten sich am Dachtrauf verfangen und hätten als die bizarren gotischen Wasserspeier überlebt.

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