Zwei Wölfe

Zu Beginn seiner Studien der Gottesgelehrsamkeit nahm ein höheres Semester den Historisch-Kritischen mit ins Münster, um ihm die Schönheiten dieses Bauwerks näher zu bringen. Seine Mühen waren für die Katz, der Historisch-Kritische hatte andere Probleme, und so ging ihm das ganze Münster am Sitzkissen vorbei. Nur etwas blieb haften und ihm für Jahrzehnte in Erinnerung: Die Wolfsschule. Am Durchgang zum spätgotischen Chor, der ursprünglich in die spätromanische Nikolauskapelle geführt hat, kann man in einem zweibildrigen Cartoon sehen, wie ein Mönch den Wolf domestizieren will, mit Rute und ABC, und der Wolf gibt sich im ersten Bild Mühe und schreibt brav. Allerdings ist da ein Schaf, das ihn etwas ablenkt, und zwar auf Dauer so sehr, dass er sich ihm im zweiten Bild voll zuwendet, was wütende Schläge des frommen Gottesmannes zur Folge hat. Leider fehlt das dritte Bild, und so wissen wir nicht, ob der Wolf sich überzeugen liess und zum ABC zurückkehrte oder ob er die geistig-geistlichen Studien an den Nagel hängte und sich definitiv für das Schaf entschied. Der Historisch-Kritische sah damals im Wolf einen Schicksalsgefährten, ja Bruder, wie er der Redaktionskonferenz gestand. Er fügte hinzu, er selber habe sich schlussendlich für das Schaf entschieden.  

Wie wir so vom Wolf geredet haben, brachte der Ministrant einen anderen Wolf zu Sprache, den Prof. Dr. Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster, bekannt weit über die Grenzen seiner Fachkolleginnen und –gen. Er berichtete von dessen Interview in der „Frankfurter Rundschau“ im August 2020, dem Interview, in dem Wolf einem breiteren Publikum ja unmissverständlich klar machte, was für ein unheilvoller Unsinn die Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit und des Jurisdiktionsprimats im Jahr 1870 waren, ein Unsinn, an dem die Kirche jetzt seit 150 Jahren leidet. (Ausführlicher hatte er dieses Thema zuvor schon in einem Buch über Papst Pius IX. behandelt.) Der Ministrant wunderte sich, dass Wolf so etwas wagte; wir Älteren erinnern uns ja noch sehr gut an die Fälle Drewermann und Küng. Aber wir kamen zum Schluss, dass die Zeiten sich geändert haben: Nach all den Skandalen will nicht einmal der geistärmste kirchliche Betonkopf das Risiko eingehen, das mit einer Schlagzeile in der Bildzeitung verbunden  wäre: „Vatikan bindet Wolf Maulkorb um“; damit hätte Prof. Wolf einen gigantischen Resonanzboden, und die Kirchenaustritte nähmen wieder zu. Was das Interview und das Buch   bezweckten jetzt vor der zweiten Etappe der Wanderung auf dem „synodalen Weg“, schien uns klar: Wolf als prominentes Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken machte unmissverständlich klar, dass die Totschlagkeule jeder Argumentation: „Das lässt Rom nicht zu“, nicht mehr wirkt. Der Ministrant bekam glänzende Augen, weil er neue Hoffnung für die katholische Kirche schöpfte.

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