Die Idee des Monotheismus und der Geist des Profits

In der Laibung des Schöpfungsportals  ist, wie der Name sagt, der Weltschöpfer am Werk, zehnfach. Hier auf dem Bild schafft er den Himmel mit seinen Sternen. Die zehn Figuren sind nicht aus einem Guss sozusagen, fünf von ihnen sind etwa 50 Jahre vor dem Bau des Portals und somit nicht für diesen Ort  geschaffen worden und lagen sozusagen „auf Halde“.  Sie wurden dann in die neuen Archivolten eingepasst und unterscheiden sich nicht nur im verwendeten Gestein, sondern auch im Stil. Besonders schön sieht man den Unterschied der göttlichen Frisuren. Unser Weltallschöpfer hier gehört zur älteren Kohorte.

Manchmal bekommt der Ministrant einen samtenen Glanz in den Augen, wenn er theologisiert. So auch in der letzten Sitzung unserer Redaktionskonferenz: „Wie Gott doch pädagogisch wohl dosiert dem Menschen in seiner Geschichte mit dem Volk Israel das unfassbare Wesen seiner Existenz als einziger Gott, der alles schafft und alles wunderbar erhält, schrittweise nahegebracht hat. In frühen Zeiten offenbarte er sich als ein Gott scheinbar neben anderen, als Gott Jahwe im vorderasiatischen Götterinnenhimmel. (Aus Angst vor Phöbe drückt er sich gendermässig sehr korrekt aus.) Dann tat er seinem Volk kund, dass er wollte, dass sie nur ihn verehrten, und schliesslich zeigte er ihnen, dass die anderen Göttinnen und Götter gar nicht existierten. Und so hat sich, Gott sei Dank, die Idee des Monotheismus durchgesetzt.“  

Da funkelte das Auge des Toren ganz anders, streitlustig und spöttisch. Er glaube nie und nimmer an Ideen, die sich von alleine durchsetzten. Immer seien es Menschen, die ihre Ideen propagierten. Bei gelegentlichem Krimikonsum habe er gelernt, dass man Täter leicht entdecken könne, wenn man frage, wer ein Motiv hatte, und das seien meistens die, denen etwas nützte. Folglich müsse man fragen, wem die Idee von Jahwe als einzigem Gott nützte. Dafür komme nur eine einzige Gruppe in Frage, nämlich die der Priester an Jahwetempeln. Dort wurde geopfert, so führte der spottende Tor aus, und die Opfer waren die Einnahmequelle und somit Lebensgrundlage der Priester. Der Markt für Opferdienstleistungen war aber wie jeder Markt begrenzt, und Priester mit ihren Tempeln für andere Götter waren unliebsame Konkurrenz. Mit der Idee, Jahwe wolle, dass man nur ihn in Israel verehre, und ihrer Überhöhung, es gebe nur Jahwe und keine anderen Götter, war ein Instrument einer radikalen Bereinigung des israelischen Opferdienstleistungsmarktes gefunden. Gekrönt wurde das Ganze schliesslich, meinte der Tor,  von der Jerusalemer Tempelpriesterschaft mit der erfolgreich propagierten Idee, Jahwe wolle nur am Jerusalemer Tempel verehrt werden.  Die Schätze, die die römischen Truppen bei der Eroberung Jerusalems im Jahr 70 vorfanden, waren gewaltig. Verglichen mit dieser geistlichen Profitstrategie  war die spätmittelalterliche Idee, man könne und müsse kirchliche Ablassbiefe für Seelenheil kaufen, kleinkariert.

Der Tor war sehr zufrieden. Der Historisch-Kritische meinte hingegen, das sei doch alles sehr mit der heissen Nadel gestrickt. Die Rolle der Propheten, die doch wohl als eigenständiger und vielschichtiger Faktor in der Theologieentwicklung Israels gewirkt hätten, sei da gar nicht berücksichtigt. Und überhaupt, allzu einfache Darstellungen komplizierter historischer Abläufe seien ihm immer suspekt. Phöbe führte das Protokoll, ich kochte den Kaffee, so konnten wir uns problemlos der Stimme enthalten.

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